• Christian Gersbacher

Svetlana: Was denken Menschen in Russland über Putins Angriff auf die Ukraine?



Bilder von verwundeten Menschen und zerstörten zivilen Einrichtungen in der Ukraine. Seit Beginn des russischen Angriffskrieg verfolgen Menschen aus der ganzen Welt das Geschehen in der Ukraine. Aber wie nehmen die Menschen in Russland die aktuelle Situation wahr? Welche Auswirkungen hat die russische Propaganda auf die Menschen und welche Rolle spielen psychologische Effekte in Krisen und Kriegssituationen?

,,Ich musste leider feststellen, dass es viele Menschen in Russland gibt, die Putins ,,militärische Spezialoperation“ befürworten", sagt Svetlana. Sie ist in der russischen Stadt Omsk aufgewachsenen und kam vor ein paar Jahren für ihr Master-Studium nach Deutschland. Heute arbeitet sie bei einer Bildungsakademie und engagiert sich im Vorstand des Berliner Verein Quarteera für russischsprachige LGBTQ* in Deutschland.




Warum gibt es viele Russen, die Putins Krieg unterstützen? Einige, die sogar ihre Autos mit einem „Z“ dekorieren? Was bewegt diese Menschen?

Ich konnte mir nie im Leben vorstellen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die denken ein Krieg gegen die Ukraine bringt jemand etwas Gutes. ,,Mir tun diese Menschen einfach nur leid", sagt Svetlana.

Das Putin Regime hat es tatsächlich soweit geschafft, dass Menschen der ununterbrochen staatlichen Propaganda glauben.

Psychologische Perspektive: Der Rally-'round the Flag Effekt:

Kriege sind für Menschen immer mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Auch Sanktionen können solche Situationen in der Bevölkerung verstärken. Der ,,Rally-' round the Flag Effekt"bezeichnet dabei die Situation, dass in Krisen und Kriegssituationen das Vertrauen in die Regierung zunimmt. Diesen Effekt erleben wir derzeit sowohl in der Ukraine, wie auch in Russland. Seit der russischen Inversion in der Ukraine sind die Zustimmungswerte für den ukrainischen Präsidenten Selenskyj auf 91 Prozent gestiegen. Doch auch Putin profitiert in Russland von diesem Effekt. Unübersichtliche Situationen und Krisen können dazu führen, dass Vertrauen in staatliche Medien zu bestärken, weil Menschen durch

,,offizielle Informationen"ein Gefühl der Sicherheit gegeben wird. Dieser Schutzmechanismus führt dazu, dass eigene moralische Verantwortung abgelehnt wird. Hierzu zählen Entmenschlichung (,,Die ukrainische Regierung sind drogenabhängige Nazis"), Schuldzuweisungen (,,die Ukrainer sind selbst schuld") und Abwälzen der eigenen Verantwortung. (,,wir können nichts tuen, wir treffen nicht die Entscheidungen").



Putin hat diesen Krieg viele Jahre lang medial vorbereitet. ,,Nach den letzen Parlamentswahlen in Russland 2021 hatte ich kurz das Gefühl, dass viele Menschen in Russland aufgewacht sind und Putins politischen Kurs hinterfragen", sagt Svetlana. Die russische Regierung hat seitdem die staatliche Propaganda und Rhetorik deutlich verschärft und kritische Medien und Aktivisten mit Repressionen zum Schweigen gebracht. Eine Umfrage des Lewada-Zentrums, das einzige unabhängige Meinungsforschungsinstitut, zeigt, dass die Unterstützung für Putins bei der älteren Generation und der Landbevölkerung am stärksten ist. In Moskau und anderen grösseren Städten ist sie deutlich schwächer, ebenso bei der jüngeren Generation. Unter den Befragten die den politischen Kurs Putins gutheißen, liegt die Zustimmung für den Einsatz russischer Streitkräfte in der Ukraine insgesamt bei 89 %. Viele Menschen hinterfragen nicht, was passiert. In den Medien wird von „Denazifizierung“ oder „Demilitarisierung“ gesprochen. Dem Westen wird die Schuld an der Eskalation gegeben. Für meine Eltern in Russland ist das Fernsehen das einzige Medium, in dem sie sich über Nachrichten informieren, sagt Svetlana.


Krieg wird als Befreiung angesehen

Etwa die Hälfte der Bevölkerung zweifeln nicht an der Richtigkeit des Geschehens, sie weisen Kritik an der russischen Führung sowie den Streitkräften zurück. Sie glauben es handle sich um „dringend notwendige Maßnahme" oder einem „Präventivschlag“ um die Ukraine von Nazis und Faschisten zu befreien.

Im Staatsfernsehen laufen durchgehend Bilder vom „Spezialeinsatz“, die russischen Soldaten werden darin als Befreier gezeigt.

Von einem „Völkermord“ an der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine ist dort die Rede. Putin hat seit Beginn seines Angriffs versucht, Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachzurufen. Auch deswegen spricht Putin gerne von einem „Nazi-Regime“ in der Ukraine.



Viele Russen, die wie ich im Ausland leben, haben Schamgefühle für das Vorgehen des eigenen Landes, sagt Svetlana. Wir haben Angst, zu welchen Folgen das für unsere Familien führt, die noch in Russland leben.

Ich befürchte Russland wird jetzt lange von der internationalen Gemeinschaft isoliert sein.

Viele Menschen in Russland leben schon jetzt beinahe an der Armutsgrenze. Ihre Situation könnte sich deutlich verschlechtern. ,,In Deutschland können wir immerhin etwas tuen: Wir können gegen den Krieg auf die Straße gehen und Informationen über das Internet teilen, sagt die 30 jährige. In Russland ist das nicht mehr möglich. Bis zu 15 Jahre Haft drohen für die Verbreitung ,,falscher“ kritischer Informationen.


Foto: Valery Tenevoy

Ich muss immer wieder an den kalten Krieg denken, als die Menschen in Russland hinter einem Eisernen Vorhang lebten.
Ähnliche Situation bei der Anexion der Krim 2014

Die Situation ähnelt der von 2014. Rasch wuchs damals die Zustimmung für die Staatselite sowie das Vertrauen, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln würden.

Alles, was den ,,offiziellen Informationen" widersprach, wurde auch damals kategorisch als Lüge und ,,feindliche Propaganda des Westens" abgetan. Nach Ansicht vieler Menschen in Russland wir durch die ,,militärische Spezialoperation" nichts erobern, sondern die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine geschützt und befreit.


Der lange Weg zum Krieg

Bereits seit Ende Putins erste Amtszeit um 2004 zeigt sich der Rückbau Russland in ein autoritäres System. Die Wiedereinführung der Militärparade, die kremltreuen Jugendbewegungen und ihre Trainingslager, die Übernahme der Medien. Die Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft wurden immer mehr verwischt.


Im April 2005 hatte Putin in einer Rede vor der Förderversammlung erklärt:

,,Russland müsse vor allem erkennen, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts war". Zudem brachte er erstmals ,,Landleute außerhalb Russland" ins Spiel. Der Zerfall der Sowjetunion wird auch als Zerfall der kollektive Identität angesehen. Putin setz darauf, diese ,,Identität" wieder zurückzuerobern. Durch autoritären Staats-Paternalismus, Militarismus und Identifizierung mit dem Großmacht-Status. Die russische Propaganda zielt nicht nur drauf ab, vernebelten Tatsachen zu präsentieren, sondern auch die westliche Berichterstattung als ,,feindlich" und ,,Lüge" zu kategorisieren. Die Freiheit, die Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion gewonnen haben, wird jetzt wieder eingeschränkt. Ich befürchte das wird alles noch schlimmer, sagt Svetlana. Und in Sachen unabhängige und freie Berichterstattung sieht es schlecht aus: Die letzte unabhängige Zeitung Nowaja Gaseta hat jetzt auch ihre Berichterstattung in Russland vorerst eingestellt.


Unser ganzes Gespräch gibt es zum nachhören in meinem Podcast VielfaltTALKS.

Wie bedeutet es, einen Tag lang russische Medien zu konsumieren? Erfahre mehr.