• Christian Gersbacher

Svetlana: Was denken Menschen in Russland über Putins Angriff auf die Ukraine?


Ich musste leider feststellen, dass es viele Menschen in Russland gibt, die Putins ,,militärische Spezialoperation“ befürworten. So nennen sie in Russland das, was in der Ukraine gerade passiert. Svetlana ist in der russischen Stadt Omsk aufgewachsenen und lebt heute in Deutschland. Sie engagiert sich im Vorstand des Berliner Verein Quarteera r russischsprachige LGBTQ* in Deutschland.





Warum gibt es viele Russen, die Putins Krieg unterstützen? Einige, die sogar ihre Autos mit einem„Z“ dekorieren? Was bewegt diese Menschen?

Ich konnte mir nie im Leben vorstellen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die denken ein Krieg gegen die Ukraine bringt jemand etwas Gutes. Mir tun diese Menschen einfach nur leid.

Das Putin Regime hat es tatsächlich soweit geschafft, dass Menschen der ununterbrochen staatlichen Propaganda glauben.

Putin hat diesen Krieg viele Jahre lang medial vorbereitet. Nach den letzen Parlamentswahlen in Russland 2021 hatte ich kurz das Gefühl, dass viele Menschen in Russland aufgewacht sind und Putins poltischen Kurs hinterfragen. Die russische Regierung hat seitdem die staatliche Propaganda und Rhetorik deutlich verschärft und kritische Medien und Aktivsten mit Repressionen zum Schweigen gebracht. Eine Umfrage des Lewada-Zentrums, das einzige unabhängige Meinungsforschungsinstitut, zeigt, dass die Unterstützung für Putins bei der älteren Generation und der Landbevölkerung am stärksten ist. In Moskau und anderen grösseren Städten ist sie deutlich schwächer, ebenso bei der jüngeren Generation. Unter den Befragten die den politischen Kurs Putins gutheißen, liegt die Zustimmung für den Einsatz russischer Streitkräfte in der Ukraine insgesamt bei 89 %.

Viele Menschen hinterfragen nicht, was passiert. In den Medien wird von „Denazifizierung“ oder „Demilitarisierung“ gesprochen. Dem Westen wird die Schuld an der Eskalation gegeben. Für meine Eltern in Russland ist das Fernsehen das einzige Medium, in dem sie sich über Nachrichten informieren.


Im Staatsfernsehen laufen durchgehend Bilder vom „Spezialeinsatz“, die russischen Soldaten werden darin als Befreier gezeigt.

Von einem „Völkermord“ an der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine ist dort die Rede. Putin hat seit Beginn seines Angriffs versucht, Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachzurufen. Auch deswegen spricht Putin ständig von einem „Nazi-Regime“ in der Ukraine.



Viele Russen, die wie ich im Ausland leben, haben Schamgefühle für das Vorgehen des eigenen Landes. Wir haben Angst, zu welchen Folgen das für unsere Familien führt, die noch in Russland leben. Ich befürchte Russland wird jetzt lange von der internationalen Gemeinschaft isoliert sein.

Viele Menschen in Russland leben schon jetzt beinahe an der Armutsgrenze. Ihre Situation könnte sich deutlich verschlechtern.

Aber immerhin können wir hier etwas tuen. Wir können gegen den Krieg auf die Straße gehen und Informationen über das Internet teilen. In Russland ist das nicht mehr möglich. Bis zu 15 Jahre Haft drohen für die Verbreitung ,,falscher“ kritischer Informationen.



Ich muss immer wieder an den Kalten Krieg denken, als die Menschen in Russland hinter einem Eisernen Vorhang lebten.

Da gab es keine Informations- und Meinungsfreiheit. Gerade wird Russland um Jahrzehnte zurückgeworfen. Alles was wir nach dem Zerfall der Sowjetunion an Freiheit gewonnen haben, wird jetzt wieder eingeschränkt. Ich befürchte das wird alles noch schlimmer. Die letze unabhängige Zeitung Nowaja Gaseta hat jetzt auch aufgegeben.


Unser ganzes Gespräch gibt es zum nachhören in meinem Podcast VielfaltTALKS.