• Christian Gersbacher

Techno, Sex und Politik: Queeres Leben in Russland

Queere Menschen werden in Russland verachtet, ausgegrenzt und sogar gejagt. Das Klima für die LGBTQ*-Community wird seit Jahren rauer. Über eine queere Szene, die zu politischen Protesten aufruft.

Foto: Vitali Gelwich


In Moskaus queere Underground Szene geht um mehr als Tanzen, Techno und Sex: Es geht um politischen Protest und einen Ort der Freiheit zu schaffen.

In den 90er Jahren zeichnete sich in Osteuropa zunächst eine Entspannung der Lage für LGBTQ* ab. Im Jahr 1991 schafften die Ukraine, 1992 Lettland und Estland, 1993 Litauen und Russland, 1994 Belarus die Strafbarkeit der Homosexualität ab und in Moskau entstand eine kleine aber lebendige LGBTQ* Community.


Unter Putin folgte die Kehrtwende

Im Jahr 2013 wurde per Gesetz „Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen“ verboten. Das bedeutet, dass beispielsweise Filme, die queeren Menschen zeigen, mit der Kennzeichnung ,,Ab 18 Jahren“ versehen sein müssen. Aus dem staatlichen Fernsehen wurden solche Inhalte vollständig verbannt. Das Gesetz soll Kinder vor gefährlichen Informationen schützen. In Wirklichkeit aber verstößt es gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung und macht queere Menschen unsichtbar. Öffentliche Proteste für LGBTQ*-Rechte und positive Meinungsäußerungen über Homo- und Transsexualität wurden in Russland unter Strafe gestellt: 5.000 Rubel, etwa 70 Euro, Geldbuße für Privatpersonen, bis zu einer Million Rubel, etwa 14.000 Euro, für Unternehmen. Pride Demos sind verboten. LGBTQ* werden in den russischen Medien immer wieder als Personen mit einer „Krankheit aus dem Westen“ dargestellt, die das traditionelle russischen Familienbild gefährdet.


Großer Unterschied zwischen Lesben und Schwulen

Dass zwei Frauen sich küssen, kennt die postsowjetische Gesellschaft aus Pornofilmen. Es wird gern gesehen, solange die Frauen gut aussehen.

Nachts lassen sich auf den Straßen Moskau sogar manchmal schmusende lesbische Paare beobachten. Bei homosexuellen Männern sieht die Situation deutlich anders aus: Schwul sein wird in der russischen Gesellschaft mit Ablehnung oder sogar Gewalt abgestraft.


Techo Partys als politischen Protest

Foto: Vitali Gelwich


Es immer wieder Fälle, in denen Menschen vor LGBTQ*-Clubs angepöbelt und zusammengeschlagen wurden. Ein trauriges Beispiel dafür waren die Vorfälle in einem der ehemals größten Gay Club in Moskau Zentralnaja Stanzija. Dort hatten Unbekannte versucht, giftiges Gas in die Belüftungsanlage des Gebäudes einzuleiten, ein andermal schossen zwei Angreifer vor dem Club mit Pistolen um sich. Mittlerweile hat sich der Club aus der Moskauer Innenstadt zurückgezogen und befindet sich außerhalb der Stadt.

Queere Paryts und Events werden größtenteils nur noch über nicht öffentliche Facebook-Gruppen angekündigt. Mittlerweile zählen einige dieser Gruppen tausende von Mitglieder*innen. Christoph Eisenschink berichtet in seinem Artikel im GQ-Magazine über die schwulen Underground-Szene Moskaus.



LGBTQ* Organisationen werden zu Ausländische Agenten

2012 wurden bereits erste unliebsame Organisationen, darunter das russische LGBTQ*-Netzwerk zu „ausländischen Agenten“ erklärt. Mittlerweile muss die russische LGBTQ*-Bewegung hoffen, nicht vollständig kriminalisiert zu werde. In diesem Jahr wurden in Russland bereits zahlreiche Journalist*innen oder Aktivist*innen als "ausländische Agenten" eingestuft. Damit werden sie verpflichtet, all ihre Veröffentlichungen zu markieren.

Im Dezember hat die Schließung der bekannten Menschenrechtsorganisation Memorial durch russische Behörden für internationale Kritik gesorgt. Die Staatsanwälte hatten ihnen vorgeworfen, gegen ein Gesetz über ausländische Agenten verstoßen zu haben.

Memorial hatte ich in jüngster Zeit gegen die Unterdrückung von Kritikern unter Präsident Wladimir Putin gewandt.


Stimmung gegen LGBTQ* nimmt zu

Die bekannteste Initiative ist wohl „Occupy Pedophilia“, die öffentlich die Haltung, dass Pädophilen mit Homosexuellen gleichzusetzen seien vertritt.

Ein weites beliebtes Mittel ist es, Homosexuelle zu ,,Fake-Dates“ zu locken und sie anschließend zu erniedrigen, zu schlagen oder sogar um Geld zu erpressen, damit sie nicht bei ihrer Familie geoutet werden. Anstatt etwas gegen diese Selbstjustiz zu tuen, fördert die russiche Politik diese Vorgehen, indem sie sich zunehmend einer aggressiven Rhetorik gegenüber der LGBTQ*-Gemeinschaft bedient. Aktivist*innen beklagen immer wieder Hass, Hetze sowie zunehmende brutale Angriffe auf Homosexuelle, die oft folgenlos blieben.


Russische LGBTQ*-Aktivistin Jelena Grigorjewa ermordet

Am Abend des 21. Juli 2019 wird die russische LGBTQ*-Aktivistin Jelena Grigorjewa mit mehreren Messerstichen ermordet. Sie kritisierte die russische Ukraine-Politik, kämpfte für die Rechte von LGBTQ* und gegen Diskriminierung.

Jelena wurde einige hundert Meter von ihrem Haus in Sankt Petersburg entfernt in einem Gebüsch tot aufgefunden. Es hat wohl zuvor mehrere Morddrohungen gegen die Aktivist*in gegeben. Bekannte aus Jelenas Umfeld kritisieren, dass die Polizei jedes Mal untätig geblieben sei.



Gefährliche Folgen für Aktivist*innen


Foto: Shamil Zhumatov /Reuters


Welche Folgen Aktivismus und kritische Stimmen gegen die Regierung haben kann, hat der Fall um den bekannten Kremel-Kritiker und Blogger Alexei Nawalny gezeigt: Er wurde vergiftet und anschließend verhaftet. Seine Putin kritischen Enthüllungsvideos haben auf YouTube Millionen Klicks.


Svetlana: Zwischen Protest, Hoffnung und Putin: LGBTQ* in Russland

Ich habe mit Svetlana der Berliner LGBTQ* Organisation Quarteera über das queere Leben in Russland gesprochen. Svetlana ist in der russischen Stadt Omsk geboren und aufgewachsen. Wir sprechen u.a. über queeres Leben in Russland und ihr Coming Out bei ihrer Familie. Quarteera e.V. ist eine Organisation russischsprachiger LGBTQ*-Personen und ihrer Freunde aus Deutschland. Mein Interview mit Svetlana findet du auf Spotify.


Bock auf mehr? Hier gehts zu meiner ,,Queer Eastern Europe" Reihe.