• Christian Gersbacher

Junge queere Menschen aus Belarus erheben ihre Stimme: Wir lassen uns nicht einschüchtern!

Razzien in Gay-Clubs, homophobe Beleidigungen und das tägliche Gefühl der Unsicherheit gehören zum Alltag von vielen queeren Menschen in Belarus.

Foto: Massenproteste in Belarus seit 2020 gegen das Lukaschenko Regime


"Besser ein Diktator, als schwul" sagte einst der belarussische Machthaber Lukaschenko, der seit über 25 Jahren mit harter Hand und Unterdrückung das Land regiert.


Sie erheben ihr Stimme gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit und für die Zukunft in ihrem Land. Ich spreche mit zwei jungen queeren Menschen aus Belarus über ihre Erfahrungen.


Wer sich in Belarus mit Diktator Lukaschenko anlegt, lebt gefährlich.

Über 659 politische Gefangene sind derzeit bei der belarussischen Menschenrechtsorganisation Wjasna gelistet, und täglich werden es mehr.

Die bekanntesten LGBTQ*-Organisationen mussten ihre Aktivitäten beenden oder verdeckt arbeiten, weil sie sonst Gefahr liefen, verhaftet zu werden.

Misha 22, Aktivist und Student aus Minsk


Auf der Suche nach Sicherheit fühlen sich viele Aktivist*innen und Journalist*innen gezwungen, das Land zu verlassen. In den 30 Jahren seit der Unabhängigkeit von Belarus wurde Homophobie nur ein einziges Mal vor Gericht als Hassmotiv anerkannt.


Zwei junge mutige queere Menschen aus Belarus, die ihre Stimme für ihre Rechte erheben:


Mischa ist 22 Jahre alt, Aktivist, Student aus Minsk


Wie erlebst du die Situation als queere Person in Belarus gerade?


Die Situation für LGBTQ* in Belarus ist ziemlich schwierig. Die Regierung setzt sich über alle Gesetze und Menschenrechte hinweg, Menschen verschwinden und werden unrechtmäßig verhaftet. Für queere Menschen hat es nie Gesetze gegeben, die uns schützen.


Es gab einen starken Aufschwung regionaler LGBTQ*-Initiativen und NGOs, der aber aufgrund der Beschränkungen unsere Regierung zurückging. Viele LGBTQ*-Aktivist*innen und Menschenrechtsaktivist*innen wurden strafrechtlich verfolgt und mussten aus dem Land fliehen. Die bekanntesten LGBTQ*-Organisationen mussten ihre Aktivitäten beenden oder verdeckt arbeiten, weil sie sonst Gefahr liefen, verhaftet zu werden. Wenn unser Land jemals die Chance hat, sich von dem politischen Regime Lukaschenko zu erholen, befürchte ich, dass wir bei Null anfangen müssen.

Zum Glück gibt es TikTok und andere soziale Netzwerke, um die Jugend aufzuklären. Aber in der Gesellschaft scheint es, stehen die Rechte von Minderheiten für die meisten Menschen am Ende der Prioritätenliste.

Ich komme selbst aus einer kleinen Stadt. Seit ich in der Hauptstadt Minsk studiere, habe ich verstanden, dass das Wertvollste für queere Menschen das Gemeinschaftsgefühl ist. Gemeinsam können wir uns für Gesetzesvorschläge oder Änderungen in der Gesetzgebung einsetzen und die Menschen aufklären.


Hast du selbst schon Anfeindungen oder Übergriffe erlebt?


Ich hatte Glück bisher nicht inhaftiert oder strafrechtlich verfolgt zu werden. Aber viele meiner Freunde sind aus Belarus geflohen, weil die Gefahr, als Trans* Person im Gefängnis misshandelt zu werden ist sehr groß.

Es ist schon schlimm genug, ein politischer Gefangener zu sein, aber wenn du auch noch queer oder geschlechtsuntypisch bist, kann es dir dein Leben kosten.

In der Zivilbevölkerung sieht es nicht besser aus - selbst diejenigen, die pro-demokratisch und fortschrittlich sind und sich ein Beispiel an Europa nehmen, sind noch nicht bereit, die LGBTQ*-Community zu akzeptieren. Es gab ein Foto von zwei Mädchen, die sich vor den Augen von Polizisten*innen küssten. Der Hass, der dieses Foto in der Öfffentlichkeit ausgelöst hat, ist unbeschreiblich.


Was treibt dich an, trotz dieser schwierigen Situation dich für die Rechte von LGBTQ* einsetzen?


Ich kann nicht einfach danebenstehen und ignorieren, was queere Menschen in Belarus schreckliches erleben müssen. Wenn es keinen Kampf gibt, gibt es auch keine Hoffnung. Und ich möchte alles tun was ich kann, um etwas zu verändern.

Für viele meiner Bekannten bin ich die einzige nicht-binäre Person, die sie kennen. Ich hoffe, dass ich andere Leute dazu bringen kann, die Dinge mehr zu hinterfragen und sich damit auseinanderzusetzen.


Foto: Courage Demonstration in Minsk.


Mark (they/he) ist 24 Jahre alt, lebt in Minsk und arbeitet als Support Manager in einem belarussischen IT-Unternehmen.


Mark, wie fühlt es sich für dich an, als queere Person in Berlaurs zu leben?


In der queeren Community und Safe Spaces in Minsk fühle ich mich wie zu Hause. Trotzdem treffe ich natürlich immer wieder Leute, die mich bewusst falsch einordnen und darauf bestehen, geschlechtsspezifische Begriffe zu verwenden. Ich bin gerade dabei, einen Antrag auf Änderung meines Namens und meiner Geschlechtszugehörigkeit zu stellen, das ist ein ziemlich erniedrigender Prozess. Transidentität gilt in Belarus offiziell als psychische Störung. Die ganze Prozedur dauert über ein Jahr und wenn du den Druck, den sie auf dich ausüben, überlebst, bist du gut.


Wie beurteilst du die Akzeptanz von LGBTQ* in der belarussischen Gesellschaft?


Wenn du in Belarus eine öffentliche Stimme für LGBTQ* Rechte sein willst, trägst du eine große Verantwortung. Bei den Protesten im Jahr 2020 gab es auch einige queerer Menschen. Auffallend viele Menschen sahen aber queere Menschen nicht als Verbündete an und warfen mit Beleidigungen um sich, obwohl sie in diesem großen Kampf dringend Verbündete brauchten.


Wird in der Schule über queere Themen gesprochen?


Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mal daran erinnern, dass es in meiner Schule überhaupt Sexualkundeunterricht gab. Wenn überhaupt, wäre so etwas nur auf eigene Initiative der Lehrer*innen möglich. Unser Schulsystem sieht solche Themen nicht auf dem Lehrplan vor.


Wie sieht die Situation es in den Medien aus?


Unser Fernsehen und unsere Medien sind im allgemeinen stark zensiert. Aber auch bei unabhängigen Online-Zeitschriften spricht niemand wirklich über LGBTQ* Themen. Wir sind weit davon entfernt, konkret über queere Themen zu diskutieren. Wenn Lukaschenko öffentlich über LGBTQ* spricht, schimpfte er gegen schwule Männer und darüber, dass das völlig unangemessen und falsch sei. Aber als er nach lesbischen Frauen gefragt wurde, antwortete er: "Ah, na ja, Lesben... ich erlaube das".


Mein Traum ist es, in einem freien Belarus zu leben, in dem niemand wegen seiner Sexualität diskriminiert wird.

Foto: Courage


Mehr Informationen zur aktuellen Situation in Belarus:


In der Arte Mediathek findet ihr die Doku ,,Tagebuch einer Revolution"

Film: Courage - Dokumentarfilm über die belarussische Revolution


Weitere spannende Interviews der 'Queer Eastern Europe' Reihe findest du hier.