• Christian Gersbacher

Einzelfall? 13 LGBTQ feindlichen Staftaten in Deutschland auf der Spur



Ist Regenbogenfahnen schwingen nur schöner Schein? Straftaten von Hasskriminalität gegenüber LGBTQ* in Deutschland nehmen immer mehr zu.


Vor jeder Umarmung oder einem Kuss in der Öffentlichkeit die Umgebung zu prüfen oder bestimmte Orte zu meiden - das ist für queere Menschen eine erhebliche Einschränkung der persönlichen Freiheit. Doch die Angst, aufgrund der sexuellen Orientierung oder Identität körperlich oder verbal angegriffen zu werden, ist für viele queere Menschen ein ständiger Begleiter.

578 Fälle von Hasskriminalität gegen die sexuelle Orientierung und 204 Fälle gegen Geschlecht und sexuelle Identität haben die Behörden 2020 registriert [1].

Doch die Dunkelziffer liegt noch viel höher: Ein zuständiger Ansprechpartner der Berliner Polizei schätzt sie auf 80-90% [2]. Da die Datenerfassung über diese Straftaten sehr lückenhaft ist, können Präventionsmaßnahmen nicht wirkungsvoll umgesetzt werden.

Gerne wird damit argumentiert, es handel sich um Einzelfälle. In den Medien finden lgbt-freindliche Staaten bisher wenig Aufmerksamkeit. Aber geht es hier um Einzelfälle? Hier findest du eine Übersicht von ausgewählten Staftaten mit LGBTQ-feindlichen Motiv in Deutschland in den letzen 1,5 Jahren: [3]


4. Oktober 2020: In der Dresdner Innenstadt greift ein islamistischer Täter ein homosexuelles Pärchen an, das dort gerade Urlaub macht. Der Mann sticht mit zwei Messern auf die beiden ein. Eines der Opfer überlebt die Tat nicht.


29. Oktober 2020: In Gießen attackiert ein Mann seinen Nachbarn mit einem Messer. Das Opfer stirbt später im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Vor Gericht erklärt der psychisch erkrankte Täter laut Medienberichten: »Gott hat mir gesagt, ich sollte einen bösen Menschen – einen Homosexuellen – töten.«


31. Oktober 2020: Eine transidente Person und ihr Partner werden in München beleidigt, anschließend schlägt der Täter der Person mehrmals ins Gesicht. Das Opfer wird mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht.


24. März 2021: In Anklam werden die Fenster eines Jugend- und Kulturzentrums eingeschlagen. Unbekannte schreiben an eine Scheibe: »Kein Ort für Schwule und Transen«.

13. Juni 2021: Eine Jugendliche und ihre Begleiterin werden in Berlin homophob beleidigt und geschlagen. Die beiden Opfer erleiden Verletzungen an Rippen, Rücken, Gesicht und Hinterkopf.


8. Juli 2021: Ein Mann wird in Berlin beleidigt, er und sein Hund sähen »zu schwul« aus. Anschließend wird der Mann verprügelt, im Krankenhaus werden ein dreifacher Kieferbruch und ein gebrochener Finger festgestellt. Dem Opfer wurden zudem mehrere Zähne ausgetreten.


31. Juli 2020: In München werden ein 13-jähriges Mädchen und ein ihr zur Hilfe eilender 14-jähriger Schüler beleidigt und körperlich angegriffen, offenbar weil das Mädchen eine Regenbogenfahne bei sich trägt.


22. August 2021: Eine Veranstaltung zum Christopher Street Day im sächsischen Taucha wird frühzeitig beendet, mutmaßlich rechte Störer pöbeln und beleidigen Teilnehmende. Nach dem Abbruch werden die Teilnehmenden unter Polizeischutz zum Bahnhof zurückgebracht.


22. September 2021: In Rostock-Warnemünde werden die Scheiben eines Geschäfts für Heimtierbedarf beschmiert, Inhaber ist ein schwules Ehepaar. Unbekannte haben Hakenkreuze auf die Fenster gemalt, daneben stehen Parolen wie »Homos raus« und »Kinderficker«.


10. Oktober 2021: Vier Männer werden auf der Hamburger Reeperbahn von Unbekannten beleidigt und angegriffen. Zwei der mutmaßlichen Opfer erleiden schwere Gesichtsfrakturen und müssen im Krankenhaus behandelt werden. Die Polizei geht von einem homophoben Tathintergrund aus.


21. Oktober 2021: Als ein Mann sich an einer Berliner U-Bahnstation mit einem Kuss von seinem Freund verabschiedet, wird er danach von einem Jugendlichen mit einer Schusswaffe bedroht. Der Staatsschutz ermittelt wegen des Verdachts der homophob motivierten Bedrohung.


31. Oktober 2021: Vor einer Hamburger Schwulenbar werden Gäste von einer Gruppe junger Männer homophob beleidigt und geschlagen. Die Opfer kommen mit blutenden Verletzungen am Kopf davon.


26. November 2021: In Bonn sollen sich zwei Männer »hasserfüllt und volksverhetzend« über eine Regenbogenfahne geäußert haben, die vor einer Gaststätte aufgehängt wurde. Als ein Beobachter sie dafür zur Rede stellt, schlägt ihm einer der beiden ins Gesicht.


Homosexualität ist keine Schande, Hasskriminalität schon

Wir brauchen für die anstehenden Legislaturperiode eine Politik für eine freie und offene Gesellschaft der zukünftigen Generation. Das Gefühl der Unsicherheit im öffentlichen Raum ist jeder queeren Person in Deutschland bis heute nur allzu gut bekannt und stellt eine erhebliche Einschränkung der persönlichen Freiheit da. Wenn wir ein offenes und vielfältiges Land sein wollen, dürfen wir diese Ungerechtigkeit nicht weiter tolerieren. Der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel sagte einmal:

Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten

Meine Petition findet Du hier.



Quellen:

[1] Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Bundeskriminalamt, Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2020, Bundesweite Fallzahlen, Mai 2021. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2021/05/pmk-2020-bundesweite-fallzahlen.pdf?__blob=publicationFile&v=4

[2] Lesben- und Schwulenverband, Homophobe Gewalt: Angriffe auf Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI): https://www.lsvd.de/de/ct/2445-Homophobe-Gewalt-Angriffe-auf-Lesben-Schwule-bisexuelle-trans-und-intergeschlechtliche-Menschen-LSBTI

[3] Spiegel 19.12.2021 https://www.spiegel.de/politik/deutschland/gewalt-gegen-lsbtiq-der-blinde-fleck-a-a5e31819-b5e3-43cf-a30a-e6284216d7d6