• Christian Gersbacher

Frank Thies: Warum braucht es mehr Sichtbarkeit von Bi+Sexualität?

Bi+sexuelle Menschen werden innerhalb der Gesellschaft immer noch übersehen und sind oft mit veralteten Mustern und Vorurteilen konfrontiert. Ein Gespräch mit dem Lehrer und Autor der BiJou, dem bisexuelles Journal Frank Thies.


Einer Umfragen des Meinungsforschungsinstitut YouGov zufolge ordnen sich bis zu 39% der jungen Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren im bisexuellen Spektrum ein. Frank Thies engagiert sich seit vielen Jahren für die Rechte von queeren Menschen und will Bi+sexualität mehr Sichtbarkeit in unserer Gesellschaft geben.


Frank, du setzt dich als Aktivist für die Rechte von LGBTIQ* ein. Wie kam es dazu und was möchtest du mit deiner Arbeit erreichen?


Ich hatte mich schon immer für Sexualität und Vielfalt interessiert. Später wollte ich erst einmal nur andere bisexuelle Menschen kennen lernen. Ich gründete 2002 einen Bi-Stammtisch in Hamburg. Später auf dem CSD fragte mich ein erfahrener Bi-Aktivist, warum ich noch nicht Mitglied bei BiNe – Bisexuelles Netzwerk e. V. wäre. Da sagte ich, ich mache doch gar nichts Politisches. Da war er irritiert und entgegnete, ich setze mich sehr wohl für das Thema ein. Mittlerweile kann ich nicht mehr leugnen, dass ich so einiges für die Bi+Community in Deutschland bewegt habe. Natürlich bin ich auch international vernetzt. Wozu das Ganze? Na ja, ich bin vielleicht ein wenig ein Weltverbesserer, möchte gerne helfen und aufklären. Ich finde, dass es ein tolles Geschenk ist, sich von mehr als einem Geschlecht angezogen fühlen zu können. Stattdessen gibt es aber viel Bifeindlichkeit. Das muss sich ändern.


Foto: Bi+Pride


Wie siehst du derzeit die Sichtbarkeit und Akzeptanz von Bi+sexualität in unserer Gesellschaft?


Natürlich ist das noch eine Katastrophe: Immer noch werden wir unsichtbar gemacht, ignoriert, belächelt, nicht erwähnt. Bi+sexuelle Frauen erfahren deutlich mehr sexuelle Übergriffe als lesbische und heterosexuelle – auch wenn das hier schon viel zu viele sind. Die Mother of Pride, Brenda Howard, war schließlich auch bisexuell, wir haben ihr den ersten CSD weltweit zu verdanken. Und die Ikonen von Stonewall, Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson, waren nicht nur trans*, sondern auch bi, was wiederum unsichtbar gemacht wird. Gerade Bi+sexuelle und Trans* waren und sind wichtige Verbündete.


Welchen Vorurteilen bist du als bisexueller Mann bisher begegnet?


Da ich mich als Bi-Aktivist intensiv mit der Thematik beschäftige, kenne ich natürlich alle Sprüche und Vorurteile. Ich selbst habe zum Glück nie körperliche Gewalt erfahren, wurde aber in der Vergangenheit oft als potenzieller Beziehungspartner nur auf Grund meiner sexuelle Identität abgelehnt – insbesondere von Frauen, teilweise aber auch von schwulen Männern.


Einige Bi+sexuelle berichten auch innerhalb der Community immer wieder von Ablehnungserfahrungen. Wie nimmst du die Akzeptanz von Bisexuellen in der LGBTIQ-Community wahr?


Auch bei der Arbeit in der Community habe ich schon Sprüche gehört wie: „Gib dich doch mit dem Regenbogen zufrieden“. Ja, Bi+sexuelle gehören mit zum Regenbogen, aber es braucht bei dem ganzen Unsichtbarmachen („bisexual erasure“) auch mal eine wehende Bi-Flagge und das Thematisieren von Bi+sexualität. Zum Glück gibt es auch einige positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Schwulen, Lesben, Trans*, Inter*, Nichtbinären, Asexuellen, Queeren usw.


Wir sollten in der Community nicht gegeneinander arbeiten, daher lehne ich Machtspiele und Hass, wie er in letzter Zeit von TERFs, also transfeindlichen Feminist*innen, ausgeht deutlich ab. Aber es gibt auch Grabenkämpfe zwischen manchen Pansexuellen und Bisexuellen, zwischen Bi+ und Lesben, zwischen Lesben und Schwulen, zwischen Trans* und Inter* usw. Bitte nicht! Natürlich gibt es unterschiedliche Bedürfnisse. Aber lasst uns für Akzeptanz der gesamten geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt kämpfen.


Was sollte sich ändern, damit Bi+sexualität in unserer Gesellschaftsichtbarer wird?


Über Bi+sexualität muss verbindlich in der Schule aufgeklärt werden – gerade wenn sich z. B. 39% der jungen Menschen im Alte von 18 bis 24 Jahren im bisexuellen Spektrum verorten und viele bi+ Mädchen von sexuellen Übergriffen berichten, ist dies kein „Nice To Have“, sondern ein „Must“.


Ich fordere auch alle Bi+sexuellen, die keine Angst vor einem Coming-out haben, den Schritt auch zu tun. Manche kritisieren meine Forderung nach einem Coming-out. Vor September letzten Jahres hatten wir z. B. noch keine als bi+sexuell geouteten Bundestagsabgeordneten, nun haben wir mindestens zwei. Aber eigentlich finde ich das statistisch immer noch lächerlich wenige. Gerade junge Menschen benötigen Vorbilder. Du bist okay, so wie du bist. Das muss die Message sein. Und da interessieren mich nicht die menschenrechtsfeindlichen Sichtweisen von Parteien, die verboten gehören.


Natürlich ist es aber mit Sichtbarkeit allein nicht getan, die geplanten Schritte, die die aktuelle Bundesregierung angekündigt hat, müssen vollumfänglich umgesetzt werden. Und Beratung von Bi+sexuellen muss flächendeckend angeboten werden. Auch das Asylrecht muss Bi+sexuelle berücksichtigen. Und Regenbogenfamilien müssen rechtlich ohne Ausnahme gleichgestellt werden. Ergänzend will ich noch betonen, dass Intersektionalität mitgedacht werden muss. Leider gelingt mir als weißer cis Mann nicht immer das Einbeziehen von Black, People of Color und Refugees.


Wie siehst du als Lehrer die Aufklärung über LGBTIQ* Themen an Schulen heute?


In den letzten Jahren hat sich schon einiges getan: Ich habe an meiner Schule den neuen Posten des Diversitätsbeauftragten bekommen. Es gibt viele Peer-to-peer-Aufklärungsprojekte wie SCHLAU, soorum oder Plietsch, den Dachverband Queere Bildung, die Labels Schule ohne Rassismus und Schule der Vielfalt, das mit drei weiteren tollen Person initiierte #TeachOut, bei der queere Bildung sichtbar gemacht wird. Aber nicht an allen Schulen ist geschlechtliche und sexuelle Vielfalt und ein selbstverständlicher Umgang damit selbstverständlich. Ich erwarte da noch mehr von den Kultusministerien. Auch nicht queere junge Menschen werden mit der Aufklärung gefördert – es geht um Menschenrechte und möglichst diskriminierungsarmes und angstfreies Lernen und Lehren.


Welche Themen müssen von der neuen Bundesregierung in Sachen LGBTIQ*Rechte deiner Meinung nach unbedingt umgesetzt werden?


Beim Thema Menschenrechte fordere ich stets dazu auf, keine light Fassung zu wählen. Die Ehe für alle reicht eben nicht aus. Der Schutz und die Gleichberechtigung aller Menschen ist bei allen Themen mitzudenken.

Konkret geht es ja momentan um das Grundgesetz für alle (hierbei reicht die sexuelle Identität nicht aus, auch die geschlechtliche muss geschützt werden), die Einführung eines bundesweiten Aktionsplans, vollständige Abschaffung des Blutspendeverbots, vollständiges Verbot von sogenannten Konversionstherapien, endgültiges Verbot von medizinisch nicht notwendigen Operationen an inter* Kindern, Ersetzen des Transsexuellengesetzes durch ein von der Community gewünschtes, Überarbeitung des Sorgerechts für gleichgeschlechtliche Paare inkl. Bi+ bei der Adoption, gleiches Asylrecht für verfolgte Bi+sexuelle wie für Homosexuelle und trans* Personen. Darüber hinaus wäre da noch die Berücksichtigung von bi+sexuellen Interessensvertretungen in Ausschüssen und Netzwerken, z. B. in Rundfunkräten und Medienanstalten, besseres Knowhow über und Versorgung von bi+sexueller Gesundheit und eine bessere Studienlage über Bi+sexualität. Es gibt also doch noch eine Menge zu tun.


Mehr Infos:


Frank Thies, www.frankthies.net

Bi-Plus Pride: www.bipride.de

Teachout: www.teachout.de,

Bine: www.bine.net/schule, www.bine.net/bijou, www.queerqueendoms.de


Link zur Studie: Bi-sexualität unter jungen Menschen zwischen 18-24 Jahren : https://www.bine.net/sites/default/files/bijou31yougov.pdf